3. Kanonformen – 3.2 Der schwule Kanon als Kanon des kulturellen Gedächtnisses

Kanones sind einer der Speichermedien für das kulturelle Gedächtnis einer Gesellschaft oder Kultur. Die Untersuchung des kulturellen Gedächtnisses eröffnet eine „diachrone Dimension“, die es ermöglicht, „bestimmte Inhalte, die für die Identität einer Gruppe überlebenswichtig sind, mithilfe besondere Anstrengungen haltbar gemacht und über Generationen hinweg tradiert werden“, sichtbar zu machen.[1] Kultur wird in diesem Sinne als etwas verstanden, was über Generationen hinweg weitergegeben wird, aber durchaus von der jeweils neuen Generation neu bewertet, angepasst und in Teilen auch vergessen werden kann.[2] So steht keine der neuen Generationen vor der Aufgabe, einen vollkommen Neuanfang wagen zu müssen, sondern sich stattdessen an den Werten ihrer Vorfahren zu orientieren und dabei selbst entscheiden zu können, welche der Werte sie annehmen, weiterentwickeln oder verwerfen möchte. Das kulturelle Gedächtnis bewegt sich auf zwei Ebenen, dem Funktionsgedächtnis und dem Speichergedächtnis. Das Funktionsgedächtnis umfasst „eine[…] enge[…] Auswahl an Personen, Bildern, Texten oder Geschichtsdaten, die aktiv im Bewusstsein und Gedächtnis einer Gesellschaft verankert sind“, während das Speichergedächtnis aus einem „großen, unüberschaubaren Vorrat an Kunst- und Kulturerzeugnissen, der allenfalls für Spezialisten von einer Bedeutung ist“ besteht.[3] In einem Kanon sind die Werte des Funktionsgedächtnisses versammelt.[4]

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Maggie Nelson – The Argonauts

Essay, Autobiographie, Lyrik, queere Theorie, Maggie Nelsons The Argonauts lässt sich nicht einfach so kategorisieren. Wie auch seine Protagonist*Innen Maggie Nelson und Harry Dodge und deren Liebe bewegt es sich im Dazwischen, wie „the Argonaut renewing his ship during its voyage without changing its name.“ Das bedarf einer Sprache, deren Wörter und Sätze mit jeder Artikulation etwas Neues bedeuten kann. Denn Nelson fürchtet die Sprache nicht, sie weiß, dass Worte immer gut genug sind.

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Bill Hayes – Insomniac City: New York, Oliver Sacks, and Me

Als Bill Hayes 2009 von San Francisco nach New York zieht, lässt er sein gesamtes Leben zurück: All seine Habseligkeiten, seine Freundschaften und die Erinnerungen an seinen verstorbenen Partner Steve. Hier beginnt der unter chronischer Schlaflosigkeit leidende Hayes durch die Straßen zu wandern und zu fotografieren. In Insomniac City berichtet er von seinen Beobachtungen, dem nächtlichen Rhythmus der Stadt, seiner Trauer und auch von Oliver Sacks, dem berühmtem Neurologen und Schriftsteller.

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3. Kanonformen – 3.1 Der schwule Kanon als Gegenkanon

Seit den 1960er Jahren gibt es Bemühungen, den Kanon der Weltliteratur für Literaturen von Frauen und ethnischen und sexuellen Minderheiten zu öffnen. Während oft darauf hingewiesen wurde, dass „die Kategorien gender und race […] bei Kanonisierungsprozessen eine zentrale Rolle [spielen]“[1] und auch in den Protestbewegungen der späten 1960er Jahre die Gleichstellung von Homosexuellen im Zentrum der Diskussionen stand, gibt es keine Sekundärliteratur, die sich konkret mit den Ausschlussmechanismen von Homosexuellen im literarischen Kanon befasst.

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2. Was ist 'schwule Literatur'? – 2.3.2 Queering the Canon: Der Text als Beweis

Neben diesen Neuinterpretationen gibt es auch Versuche, kanonische Autoren queer zu lesen, deren Biographien nicht belegen, dass sie homoerotische Gefühle hegten. Es handelt sich um Texte, die sich für eine queere oder auch schwule Leseart eignen. Zwei Autoren, die typischerweise in diesem Zusammenhang genannt werden, sind William Shakespeare und Franz Kafka.

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Jeanette Winterson – Orangen sind nicht die einzige Frucht

Wie bewertet man einen Klassiker? Anhand seiner literarischen Qualitäten? Dem persönlichen Empfinden, welches ein objektives Urteil eh unmöglich macht? Und wie ist der Einfluss eines Werkes auf die literarische Welt zu bewerten? Dass Jeanette Wintersons Debütroman aus dem Jahr 1985 Orangen sind nicht die einzige Frucht (OT: Oranges Are Not The Only Fruit) ein Klassiker ist, steht zumindest außer Frage. Es gibt wohl keine Liste, welche die Klassiker der lesbischen Literatur küren will, die ohne den Roman auskommt. Aber wie relevant ist ein Roman knapp 35 Jahre nach seinem Erscheinen für Leser*Innen von heute?

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2. Was ist 'schwule Literatur'? – 2.3.1 Queering the Canon: Das Verborgene sichtbar machen

Unter dem Begriff „Queering the Canon“ lassen sich verschiedene Phänomene zusammenfassen, welche nachfolgend vorgestellt werden. Bereits 1982 hat der Schriftsteller Salman Rushdie in seinem Artikel „The Empire Writes Back with a Vengence“ beschrieben, wie postkoloniale Autoren mit ihren literarischen Texten auf den westlichen Kanon reagieren.[1] Diese Phänomene sind durchaus vergleichbar.

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2. Was ist ’schwule Literatur‘? – 2.2.2 Schwule Literatur zwischen Subkultur, Ghetto und Mainstream

Die Frage, an wen sich schwule Literatur richtet, bewegt sich im Spannungsfeld einer Literatur zwischen Subkultur, Ghetto und Mainstream. Denn es gibt durchaus Autoren, die sich in ihrer Sexualität als homosexuell definieren und ebenso homosexuelle Themen in ihren Texten reflektieren, ihre Romane aber nicht als schwul kategorisieren wollen: „This objection clearly relates to that critical view of the label ‚gay‘ that sees it as a straitjacket – as a confining, rather than liberating, self-identification.“[1] Stattdessen möchten diese Autoren in den Mainstream-Bereich der Literatur vordringen und ein möglichst weites Publikum erreichen.[2]

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