Witold Gombrowicz – Ferdydurke

Wer zieht denn hier eine Fresse? Ein Rotzbengel gar, ein Grünschnabel? Und einen Popo hat man ihm auch angehängt? Formvollendet möchte man meinen!

Dass man einen Roman schreibt, der von den Kritikern als das Werk eines Unreifen entlarvt wird, kommt vor. Dass man eines morgens erwacht und im Spiegel die Verkörperung dieses Grünschnabels entdeckt, ist eher unüblich. Genau das passiert dem 30-jährigen Józio aber, der dann auch direkt vom Pauker Pimko zurück in die Schule gesteckt wird. Spätestens hier bekommt ein jeder eine Fresse und einen Popo angehängt. Und bei denen modernen Jungmanns erkennt Józio: alles ist performativ, Authentizität gibt es nicht. Er wird schnell als Poser erkannt. Trotz des Popos, trotz der Infantilisierung durch Schule und Pimko, will er einen auf Erwachsen machen. Er hat einfach keine modernen Waden. Aber was Józio hat, ist die Gewissheit, dass er gegen die reinen Formen des Lebens und der Kunst ist. Er ist für die Unbestimmtheit und die Unreife.

Dass der polnische Schriftsteller Witold Gombrowicz homosexuell war, wusste man seinerzeit. Spätestens die geheimen Tagebücher mit dem Titel Kronos, ähnlich wie bei Thomas Mann, haben es bewiesen. Und wie bei Mann war auch Gombrowicz‘ Ehefrau bestens über die Vorlieben ihres Gatten informiert. Grund genug, um Ferdydurke auf eine neue, zusätzliche Interpretation hin zu untersuchen. Nun kann ich den entrüsteten Aufschrei bereits hören: Muss denn alles autobiografisch gedeutet werden? Ist das nicht zu einfach? Vielleicht hat man ja auch mir einen Popo angehängt, aber trotz aller Fluchtformen vor der Form: der Text bietet die queere Interpretation selbst an. Ist es doch Gombrowicz‘ Erstlingswerk Memoiren aus der Epoche des Reifens, das Józio verbrochen hat. Und auch Gombrowicz selbst hat gesagt, dass aufmerksame Leser nach spätestens 5 Seiten Lektüre wissen sollten, was Sache ist. Und Tatsache, die ersten Seiten von Ferdydurke beinhalten so viele queere Schlagwörter, dass man schon mit echten Scheuklappen unterwegs sein muss, um sie nicht zu erkennen.

Oscar Wilde, Marcel Proust, Franz Kafka – das sind nur ein paar der Namen, die einem auf den ersten Seiten um die Ohren fliegen oder zumindest evoziert werden. Denn das Erwachen des Józio als Jüngling erinnert in gleichen Teilen an die einleitenden Sätze aus Marcels Proust Auf der Suche nach der verlorenen Zeit („Lange Zeit bin ich früh schlafen gegangen.“) und Franz Kafkas Die Verwandlung („Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt.“).

Ich höre bereits den zweiten Aufschrei: Wie? Kafka soll schwul gewesen sein? Nein, war er nicht. Oder zumindest: Ich habe keine Ahnung. Viele seiner Texte wie Die Verwandlung oder auch Der Process bieten sich aber für eine queere Interpretation an und wurden von vielen homosexuellen Männern auch so gelesen.

Eine kleine Anekdote, denn auch diese Buchbesprechung möchte sich der reinen Form verschließen: Thomas Mann war ein großer Verehrer von Christian Andersens Märchen. Diese sind ein Beispiel par excellence für das komplexe Verhältnis zwischen Text und Autor. Denn die Märchen selbst offenbaren sich nicht durch spezifische Motive oder Themen als eindeutig queer. Erst die Sichtung der Tagebücher Andersens und seiner Briefkorrespondenz mit Edvard Collins, in den der Gute – trotz Collins Heterosexualität – unsterblich verliebt war, bieten diesen Ansatz. Thomas Mann kannte nur die Märchen und hat trotzdem in diesen etwas von seinen geheimen Begierden und Empfindungen zu erkennen gemeint. Vielleicht ging es Gombrowicz mit Kafka ja ähnlich?

Bevor ich Witold Gombrowicz zum Opfer einer Küchentischpsychologie mache: Der Text bietet selbstverständlich auch direkte Ansätze einer queeren Interpretation. Wie Józios Tanten, die sich seiner Unbestimmtheit wegen schämen. Wenn er doch nur heiraten würde oder wenigstens ein Weiberheld wäre. Nun, er entscheidet sich dann doch lieber für die Unreife, für den Rotzbengel. Und dann wäre da natürlich noch Mjentus, der von einem Leben mit einem Bauernbengel auf dem Land träumt. Und von einem himmlischen Arkadien hat nicht nur Goethe geträumt, sondern auch so manch homosexueller Mann.

Natürlich, Ferdydurke ist auch ein Versuch, der polnischen Gesellschaft einen Spiegel vorzuhalten und ihr einen Weg aus der altbackenen Tradition zu zeigen. Denn trotz allen Klamauks war Gombrowicz ein Verfechter der individuellen Freiheit. Eine queere Interpretation soll andere Interpretationen nicht ersetzen, sondern ergänzen, ihnen eine weitere, zusätzliche Dimension verleihen.

Witold Gombrowisz hat lange Zeit im Exil gelebt, seine Werke durften erst 1986 in Polen veröffentlicht werden. Stalinisten, Kommunisten und Nazis, sie alle haben Gombrowicz‘ Werke als subversiv empfunden und ihren Autor mit einem Publikationsverbot belegt. Ferdydurke fordert Geduld, die aufzubringen aber lohnt. Vor allem in einer Zeit, in der man uns allen eine Fresse und einen Popo anhängen will.

Die Auseinandersetzung mit „Ferdydurke“ von Witold Gombrowicz ist Teil einer Gemeinschaftsaktion mehrerer Literaturblogger*innen, die zeitgleich einen Beitrag zu diesem Roman veröffentlicht haben. Die Beschäftigung mit diesem queeren Klassiker reagiert auch auf die nationalistischen, frauenfeindlichen und LGBTIQ-feindlichen Entwicklungen in Polen. Unter dem Vorwurf der „Propagierung von Päderastie“ forderte die Liga polnischer Familien bereits vor über zehn Jahren die Verbannung des Autors von den Lehrplänen. Dieser Forderung gab die rechts-konservative PiS-Regierung im Jahr 2018 nach. Weitere Beiträge zum Buch finden sich auf folgenden Kanälen: alexlessordinary, fadenbuecher, frau_fabel, Lector in fabula, Literaturpalast.

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